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Die "Fondsmanager des Jahres" Eva Fornadi und Franz Weis: "Wir sind bewusst Generalisten"

Die "Fondsmanager des Jahres 2021" über gute Teamarbeit, das Problem von Spezialistentum und die Kunst, auch mal nicht zu handeln. Von Andreas Hohenadl, Euro am Sonntag

Als Eva Fornadi vor gut 15 Jahren bei der französischen Fondsgesellschaft Comgest ihre Berufslaufbahn begann, kannte sie das Unternehmen bereits. Denn im Rahmen ihres Studiums an der International Business School in Budapest durfte sie ein Praxissemester in der Pariser Vermögensverwaltung verbringen. Als Fornadi dann ihren Studienabschluss in der Tasche hatte, kam Comgest auf sie zu und bot ihr eine Stelle an.

Bis heute hält sie den Franzosen die Treue. Wie auch Franz Weis, der ebenfalls vor gut 15 Jahren zu Comgest stieß. Seit 2009 managt er zusammen mit Fornadi den Aktienfonds Comgest Growth Europe Opportunities, der nicht nur im Jahr 2020 zu den Top-Portfolios seiner Kategorie zählt. Grund genug für die Fondsredakteure von €uro am Sonntag und den Schwesterpublikationen €uro, BÖRSE ONLINE und TiAM FundResearch, Fornadi und Weis als "Fondsmanager des Jahres 2021" auszuzeichnen.

€uro am Sonntag: Frau Fornadi, Herr Weis, Sie erhalten den Goldenen Bullen für Ihre Anlageleistung 2020. Wie haben Sie den Comgest Growth Europe Opportunities durchs Corona-Jahr gesteuert?
Franz Weis:
Die Zahl der Umschichtungen, die wir vorgenommen haben, war gar nicht so viel höher als in anderen Jahren. Im März allerdings haben wir schon die Chance genutzt, bei einigen interessanten Unternehmen, die uns bisher zu teuer waren, einzusteigen. Und was wir schon im Portfolio hatten, unterzogen wir einer kritischen Prüfung.

Waren Sie sehr nervös?
Weis: Nicht unbedingt. Die Firmen, in die wir investieren, sind generell gut aufgestellt, was die Bilanzstruktur betrifft, und wenig konjunkturabhängig. Aber jede Krise ist anders geartet, und deshalb haben wir zunächst erst mal alles beiseitegelassen, was neue Ideen angeht, und uns um die Portfoliounternehmen gekümmert. Sie sollten finanziell in der Lage sein, auch eine längere Krise zu überstehen. Der nächste Schritt war dann festzustellen, welche Unternehmen aufgrund der Krise langfristig sogar besser abschneiden würden.

Auf was haben Sie da geachtet?
Weis:
Etwa ob Wettbewerber langfristig negativ beeinträchtigt werden. Ein gutes Beispiel ist Lufthansa. Der Konzern wurde vom Staat gezwungen, als Gegenleistung zu den Rettungspaketen Fluglinien oder Landeslots abzutreten. Die wurden natürlich aufgegriffen von Billigfliegern wie Ryanair oder Wizzair, die finanziell gut aufgestellt sind. Solche Unternehmen können durch die Krise Marktanteile hinzugewinnen.

Wo sind Sie denn 2020 eingestiegen?
Weis:
Es gibt zwei Gruppen von Unternehmen, die ich hier erwähnen will. Da sind zum einen jene, die wir schon lange im Visier hatten und die plötzlich attraktiver bewertet waren. Dazu gehören der Duft- und Geschmackstoffhersteller Symrise oder der Luxuskonzern LVMH.

Und die zweite Gruppe?
Weis: Das sind Unternehmen, die überhaupt nichts zu tun haben mit der Krise. Zum Beispiel Bakkafrost, eine Lachszuchtfirma von den Faröer-Inseln, die von der strukturell steigenden Nachfrage nach Proteinen profitiert.

Wer entscheidet letztlich, in ein Unternehmen wie Bakkafrost einzusteigen?
Eva Fornadi:
Bei uns ist im Unterschied zu manch anderen Unternehmen der Teamansatz sehr wichtig. Entscheidungen werden von allen getroffen.

Beurteilen Sie, Frau Fornadi, Chancen und Risiken von Anlagen manchmal anders als Ihre männlichen Kollegen?
Fornadi:
Ja, aber das hat meiner Ansicht nach nichts mit dem Geschlecht zu tun. Ich empfinde es als großes Glück, in einem diversen Team zu arbeiten. Nicht nur sind wir drei Frauen in unserem zehnköpfigen Europa-Team. Bei Comgest bringt auch jeder seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen mit. Ich denke, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit an sich ist etwas Wertvolles und führt zu besseren Ergebnissen.

Gibt es nicht Bereiche, wo Sie sich besser auskennen, und andere kann vielleicht Herr Weis besser beurteilen?
Fornadi:
Bei Comgest haben wir einen anderen Ansatz. Wir sind bewusst Generalisten. Ich bin Portfoliomanager und zugleich auch Analyst. Ich entdecke neue Anlageideen und bin für die Analyse der Portfoliounternehmen zuständig. Das macht einen Großteil unserer Arbeit aus. Ich muss zudem in der Lage sein, unterschiedliche Industrien und Unternehmensgrößen zu analysieren.

Bekommen Sie bei Ihrer Arbeit noch zusätzliche Unterstützung?
Weis: Insgesamt sind wir zehn Personen im Team. Wir drei Fondsmanager des Comgest Growth Europe Opportunities - Frau Fornadi, Denis Lepadatu und ich - stützen uns auf das Research des gesamten Teams für unsere Entscheidungen. Wir wissen genau, wer für welches Unternehmen zuständig ist.

Also Zuständigkeiten ja, Spezialistentum nein?
Weis:
Wir wollen vermeiden, dass es einen Spezialisten für Pharmazeutika und einen für Technologie gibt, die sich beide aber gegenseitig nicht mehr verstehen, weil sie nur ihr eigenes Fach kennen. Wir machen Portfoliokonstruktion von unten herauf, also auf Unternehmensebene. Und da muss man dann eben einen Pharmakonzern mit einer Technologiefirma vergleichen.

Stichwort Technologie: Was finden Sie in diesem Segment gegenwärtig am spannendsten?
Fornadi:
Die Informationstechnologie. In dem Markt herrscht starkes Wachstum. Dabei geht es gar nicht so sehr um neue Geschäftsmodelle, die aus dem Internet und E-Commerce erwachsen. Denken Sie einfach nur an die Covid-Krise, die uns derzeit beschäftigt. Viele arbeiten aktuell von zu Hause aus und müssen ihre Software updaten - und die Art und Weise, wie sie Informationen austauschen. Das ist ein großer Trend: die Digitalisierung und Überwindung der papierbasierten Arbeit sowie noch bestehender, aber unnötiger manueller Prozesse.

Das ist ja nicht allein ein Problem der Beschäftigten.
Fornadi:
Richtig, auch die Unternehmen müssen ihre Software erneuern. Ich denke da zum Beispiel an Banken oder Investmenthäuser. Viele arbeiten noch mit Programmen, die sie selbst vor vielen Jahren entwickelt haben und die nicht mit dem Wachstum des Geschäfts mithalten konnten. Die gilt es nun auf eine neue Grundlage zu stellen, sodass sie sowohl gestiegenen regulatorischen Anforderungen genügen als auch robust genug für ein hohes Daten- und Transaktionsvolumen sind. Die in vielen Bereichen benötigte Software wird immer komplexer. Ich sehe eine weitverzweigte Industrie mit etlichen Unternehmen, die Anlagechancen bieten.

Comgest-Fondsmanager meiden in der Regel zyklische Unternehmen. Im European-Opportunity-Fonds findet man aber einige dieser Titel. Wie kommt’s?
Fornadi:
Mit diesem Portfolio agieren wir in der Tat etwas opportunistischer. Das heißt aber nicht, dass wir gezielt stark zyklische Unternehmen suchen. Die Firmen müssen unsere Kriterien in puncto Qualitätswachstum erfüllen, können aber in zyklischeren Bereichen der Wirtschaft unterwegs sein. Uns ist es wichtig, dass die Erträge selbst in einer Krise nicht dramatisch einbrechen. Die Schwankungen bei der Profitabilität sollten möglichst gering sein, und die Unternehmen eher gestärkt aus Krisen hervorgehen. Wir haben einige Firmen im Portfolio, die stark und stetig wachsen, und das in zyklischen Sektoren.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Fornadi:
Das Schweizer Unternehmen Sika, das Hochleistungsmaterialien zum Beispiel für die Konstruktion von Stadien oder Brücken anbietet. Sie sind im Bausektor tätig und damit per se in einem zyklischen Bereich. Aber ihre Erträge gerieten in der Krise nur kurzzeitig unter Druck und erholten sich sehr schnell, ihre Gewinnmargen erwiesen sich als stabil.

Was war Ihr bestes Investment in den vergangenen Jahren?
Fornadi:
Eines der besten Investments war mit Sicherheit Stedim. Das Unternehmen stellt Ausrüstung für die Arzneimittelproduktion her und ist in den Bereichen Flüssigkeitsmanagement, Filtration und Reinigung tätig. Die Produkte werden bei der Herstellung von Biopharmazeutika gebraucht. Dieser Markt wächst mit rund acht Prozent pro Jahr. Solcherart strukturelles Wachstum mögen wir. Daneben die Tatsache, dass Sartorius Stedim eine der führenden Firmen in diesem Segment ist, sowie die Tatsache, dass es sich um ein "sticky business" handelt.

Was meinen Sie damit?
Fornadi:
Qualität und Zuverlässigkeit sind wichtiger als der Preis. Wenn eine pharmazeutische Produktion einmal von der Zulassungsbehörde, etwa der FDA, abgenickt wurde, gilt dieses Okay auch für das gesamte Equipment, das bei der Produktion eingesetzt wird. Das möchte man nicht ohne Not ändern, weil dann schlimmstenfalls eine neue Zulassung fällig wird oder die Effizienz der Produktion leidet. Daneben hat sich Sartorius Stedim auf Einwegprodukte spezialisiert, die in der Pharmaherstellung immer wichtiger werden. Denn sie verringern im Produktionsprozess die Kontaminationsgefahr und bringen Zeitersparnis mit sich. Der andere wichtige Punkt ist die große Nachfrage. Biopharmazeutische Medikamente machen in der Pipeline der Unternehmen inzwischen mehr als 40 Prozent aus.

Wie viele Unternehmen beobachtet jeder von Ihnen oder aus Ihrem Team?
Weis:
Jeder ist zuständig für 15 bis 20 Titel. Wenn man anfängt, ein neues Unternehmen zu analysieren, muss man sich natürlich erst mal gründlich einarbeiten. Dabei stehen wir nicht unter Druck. Ich weiß, in anderen Häusern sieht man sich jeden Tag ein neues Unternehmen an. Bei uns ist es eher ein neues Unternehmen für die nächsten Monate oder vielleicht Jahre.

Das hört sich gründlich an.
Weis:
Manchmal kann es mehrere Jahre dauern, bis wir eine Entscheidung treffen. Bei vielen Unternehmen schauen wir auch jahrelang hin und kommen nie zu dem Entschluss zuzugreifen.

Wenn Sie sich doch für einen Einstieg entschieden haben - wie lange halten Sie ein Unternehmen im Schnitt?
Weis:
Fünf Jahre ist unser Anlagehorizont. Das heißt: Wir investieren in kein Unternehmen, bei dem wir nicht überzeugt sind, dass sich das Gewinnwachstum über diesen Zeitraum dynamisch entwickelt. Das heißt aber nicht, dass wir notwendigerweise den Fünf-Jahres- Zeitraum abwarten müssen, bis wir wieder verkaufen können. Bei einigen Unternehmen sind wir auch bedeutend länger dabei, etwa bei dem schon erwähnten Bauchemiespezialisten Sika.

Mit dem Quality-Growth-Ansatz, den Sie verfolgen, erzielen Sie attraktive und stabile Gewinne. Welche Faktoren sind für den Erfolg wichtig?
Weis:
Es ist nicht so einfach, sich zu fokussieren. Es muss zu einem passen, die langfristige Perspektive einzunehmen. Wenn man so sehr auf Qualitätskriterien achtet wie wir, verpasst man auch viel, was hohe Kursgewinne abwirft. Und schließlich muss man den Mut haben, den Anlagestil auch in schlechten Zeiten durchzuhalten. Wir wollen unsere Qualitätskriterien nicht verwässern, weil wir wissen, dass früher oder später die nächste Krise kommt.

Betrachten Sie bei Ihren ausgiebigen Unternehmensanalysen auch Aspekte der Nachhaltigkeit?
Weis:
ESG-Kriterien spielen bei der Einschätzung der Qualität eines Unternehmens für uns eine große Rolle. Wenn man es einmal zusammenzählt, kann man sagen: Rund 50 Prozent der Faktoren, die wir uns bei der Analyse ansehen, sind nichtfinanzieller Art.

Will Comgest seine Fonds künftig mit einem ESG-Kürzel oder Ähnlichem als nachhaltig kennzeichnen?
Weis:
Wir betrachten diese Kriterien eigentlich schon, seit es Comgest gibt. Mit unserer risikoaversen Anlagephilosophie war es uns schon immer wichtig, dass keine Kompromisse eingegangen werden im Hinblick auf gute Unternehmensführung, soziale und ökologische Standards. Denn das erhöht auf kurz oder lang das Investitionsrisiko. Trotzdem wollten wir aus ESG nie ein Marketinginstrument machen. Mit der neuen Gesetzgebung in Europa machen wir uns aber intensiv Gedanken, wie wir damit umgehen. Ich denke, dass der ganze Prozess formeller werden wird.

Wie sind Ihre Aussichten für 2021?
Weis:
Was den Comstage Growth Europe Opportunities betrifft, erwarten wir in diesem Jahr mit der aktuellen Portfolioaufstellung eine deutlich schnellere Gewinnerholung bei den enthaltenen Unternehmen, als sie der Gesamtmarkt liefern kann. Denn zum einen halten wir Firmen, die strukturell weiter wachsen wie im vergangenen Jahr. Dazu kommen Unternehmen wie zum Beispiel Wizzair oder LVMH, die von einer Erholung der Weltwirtschaft und einer Normalisierung des Konsumverhaltens profitieren.

 


 
VITA:

Franz Weis
Geboren 1967 in Passau, studierte Franz Weis Internationales Bankwesen und Finanzwirtschaft. Seine ersten beruflichen Stationen verbrachte er bei Baillie Gifford und F & C in Großbritannien. 2005 wechselte er zu Comgest nach Paris. Bei der Gesellschaft ist er Managing Director, daneben als Fondsmanager sowie Teamleiter Europa- Aktien tätig.

VITA:

Eva Fornadi
Weis’ Kollegin Eva Fornadi wurde 1980 in Budapest geboren und studierte dort Wirtschaft an der Oxford Brookes University sowie der International Business School. Bei einem Praxissemester lernte sie Comgest kennen und startete dort 2005 ihre Karriere. Ihre Expertise bringt Fornadi auch in einen europäischen Nebenwertefonds bei Comgest ein.

 


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